F&A - Kinderpsychologin

Sabine von der Thannen-Hächl ist eine engagierte Persönlichkeit, die sich intensiv mit dem Thema Sternenkinder auseinandersetzt. Die Mutter von 3 Kindern ist Gesundheits- und klinische Psychologin und dipl. Kinderkrankenschwester. Sie setzt sich für Familien ein, die einen führen Verlust ihres Kindes erleben mussten und bietet Unterstützung sowie Raum für Austausch.
26 August 2025
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Einleitung

Von Anbeginn unseres Lebens verfügen wir Menschen über eine große Sensibilität und Sensitivität: Mit all unseren Sinnen beobachten und beurteilen wir unsere Umwelt. Sind wir sicher, stimmt da etwas nicht oder sind wir in Gefahr? In jungen Jahren ist unser Spürsinn stärker ausgeprägt als später im Leben, wenn unser Verstand die Kontrolle übernimmt. Konkret heißt das, dass Kinder Informationen über ihre Sinneswahrnehmung aus dem Umfeld aufnehmen. Diese Informationen möchten eingeordnet und „verstanden“ werden.

Kinder möchten sich sicher fühlen und ihre Wahrnehmungen sollen sich stimmig anfühlen. Wenn diese „Einordnung“ nicht geschieht, erlebt das Kind eine Disharmonie in sich: über das Nervensystem, die Gefühle, in den Organen. Das Kind kann die Disharmonie nicht benennen. Vielleicht spürt es eine Unruhe, eine Unsicherheit, Bauchschmerzen, bekommt
Hautprobleme oder andere Symptome. Die Aufgabe der Eltern und Bezugspersonen ist es, diese Symptome beim Kind wahrzunehmen und zu benennen. Was ist gerade los und was braucht mein Kind in dieser aktuellen Situation?

In der Fachsprache co-regulieren Eltern das Nervensystem ihres Kindes, sofern das Kind sich nicht selbst regulieren kann. Wenn Kinder keine Unterstützung in der Selbstregulation bekommen, verstärken sich die
Symptome, sie zeigen Verhaltensauffälligkeiten und versuchen selbst eine Erklärung und Lösung zu finden. Z.B. können sie sich verantwortlich fühlen. Dann tun sie alles, damit Mama oder Papa nicht traurig sein müssen. Sie fühlen sich für den Zustand der Eltern zuständig und co-regulieren die Eltern. Dann spricht man von einer Rollenumkehrung, die wiederum in einer Überforderung des Kindes und zu Schuldgefühlen führen kann.

 

Wie erkläre ich meinem Kind, dass sein Geschwisterchen ein
Sternenkind wurde?

Es gibt Kinder, die schon vor ihren Eltern das Hereinkommen eines Geschwisterkindes ahnen und darüber sprechen. Kinder besitzen die Fähigkeit, schon während der Schwangerschaft eine vertraute Beziehung zu ihrem Geschwisterkind aufzubauen. Wenn Eltern den Kindern vom Baby im Bauch erzählen, ist es Teil ihres Lebens. Sie gehen mit dem Baby im Bauch in Kontakt, sie streicheln den Bauch, sie sprechen, liebkosen, singen oder basteln für das Baby. Das Baby im Bauch ist bereits Teil der Familie. Wenn das Geschwisterkind im Bauch der Mama verstirbt, sind die Eltern traurig. Spätestens dann nehmen die lebenden Geschwisterkinder wahr, dass etwas anders ist. Eltern können nun in einer altersentsprechenden Sprache passende Worte finden, die möglichst an der Wahrheit orientiert sind, z.B. „Wir haben uns schon so auf das Baby gefreut, …. es kennen zu lernen, es in unseren Armen zu halten und mit ihm zu spielen…. Das wird nun nicht mehr möglich sein, weil das Baby im Bauch der Mama verstorben ist. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Es hat nur kurz in Mamas Bauch gelebt…. Sein Körper wird aus dem Bauch der Mama herauskommen. Wir werden uns vom Baby verabschieden. ….Ja, das ist traurig, dass das Baby nur so eine kurze Zeit bei uns geblieben ist….. Wir können eine Kerze anzünden und immer wieder an das Baby denken und uns an diese besondere Zeit mit „Name des Babys“ erinnern …..“

 

 

Wie sollen sich Eltern vor ihren Kindern verhalten?

Eltern, die ein Kind verabschieden, sind traurig, niedergeschlagen, manchmal auch wütend und verzweifelt. Die Gefühlspallette ist groß. Jeder Mensch trauert anders, unterschiedlich lange und zu unterschiedlichen Zeiten. Wenn das Geschwisterkind die Gefühle der Eltern wahrnimmt, braucht es Informationen, um diese einordnen zu können z.B. „Die Mama weint, weil das Baby im Bauch gestorben ist.“
Oder „Der Papa möchte jetzt nicht mit dir spielen, denn er ist traurig, weil das Baby im Bauch nicht mehr lebt. Später wird er mit dir spielen.“ Wenn das Abschiednehmen die Eltern so vereinnahmt, dass das Alltagsgeschehen sie überfordert, dann sind sie in der Pflicht für Unterstützung zu sorgen. Die lebenden Kinder wollen weiterhin fürsorglich versorgt und betreut werden. Die Großeltern, Onkel und Tanten oder Freunde können die Familie unterstützen.

 

 

Trauern Kinder anders?

Kinder leben im Moment. Ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse drücken sie im Moment aus. So sind sie im Moment traurig und wenig später spielen und lachen sie. Kinder brauchen keinen Trost. Sie wollen in ihren Gefühlen und Bedürfnissen angenommen werden. „Ja, du bist auch traurig, so wie wir. Komm her zu uns.“ So kann es sein, dass das
Geschwisterkind in die Traurigkeit mit den Eltern eintaucht. Nach etwa 10 Minuten möchte es in den Garten spielen oder zur Freundin gehen… oder es ist wütend, dass niemand mit ihm spielt.

 

 

Sollte das Kind bei der Bestattung anwesend sein?

Zu dieser Frage gibt es keine generelle Empfehlung. Ein Schulkind soll immer die Wahl haben und mitentscheiden dürfen. Fachleute befürworten die Teilnahme an der Verabschiedung, da es sich um ein Abschiedsritual handelt. Die Bestattung ist ein Teil des Abschiedsprozesses, der noch länger andauert.

 

 

Ist es ok, wenn mein Kind Spielzeuge zum Grab bringt?

Es ist absolut ok, dass ein Kind Spielzeug, Zeichnungen oder ihm wichtige Gegenstände zum Grab mitbringt. Es ist sein Ausdruck des Abschiednehmens.

 

 

Wie erkläre ich, dass Verstorbene nicht mehr zurückkommen?

Eltern können dem Kind in einfachen Worten erklären, dass der Tod endgültig ist. Es braucht keine langen Erklärungen. Lassen sie in ihrem Kind seine eigenen Ideen zum Tod entstehen und philosophieren sie mit ihrem Kind über den Tod. Menschen haben zur Frage nach dem Tod unterschiedliche Vorstellungen und Ideen.
Wie gehe ich mit Ängsten bei einer Folgeschwangerschaft um?
Wenn die Ängste vor dem Verlust in einer nächsten Schwangerschaft auftauchen, sprechen sie mit dem Kind. Erklären Sie ihm, dass nun ein anderes Geschwisterkind zu ihnen kommen wird. Niemand weiß, wie lange ein Menschenleben dauert.

 

 

Haben Sie eine Buchempfehlung?

• „Lilly ist ein Sternenkind“ von Heike Wolter, Edition Riedenburg, 2014
• „Leben mit unserem Sternenkind. Eine einfühlsame Geschichte und Rituale für Sternen-Kind-Familien“ von Nicole Baumann-Kolonovics, Heike Wolter

 

 

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